Texte

Innere Außenbereiche –
Skulptur als begehbarer Raum

Mit der Verbauung von gebrauchten, handelsüblichen Verpackungskartons entsteht eine nach innen verschachtelte Skulptur als begehbarer Raum. Mit der Untersuchung und Veränderung von vorhandener Architektur durch unterschiedlich große Kartonmodule wird der architektonische Raum beinah monochrom ausgekleidet und verdichtet. Die räumlichen Interventionen verdeutlichen zwei Perspektiven, die in ihrer Ambivalenz verschränkt sind und jeweils nachwirken. Auf die Annäherung und Betrachtung der skulpturalen Setzung von außen, folgt der Eintritt in einen verbauten Raum, gleichsam die Begehung einer Skulptur von innen. Sie wird erlebbar als Hülle und Gehäuse, in der sich ein Spiel mit realen und fiktiven Dimensionen entfalten kann.

Die konzeptuelle Arbeitsweise K.H. Müllers basiert auf der Auseinandersetzung mit Raum und Raumerfahrungen. Reale, physisch vorhandene Architekturen werden mittels geometrischer Einbauten ins Skulpturale transformiert. In diesem Sinne kann selbst der Stadtraum als Skulpturenpark betrachtet werden.

Die Künstlerin arbeitet auf unterschiedlichen Ebenen mit räumlichen und ideellen Transformationsprozessen. Virtuelle Räume entstehen, wenn in Interviewsituationen Probanden zur Imagination von Reiseerfahrungen animiert werden. Erinnerungsräume werden wachgerufen, wenn ein Pool von Stofftaschentüchern zur Auswahl angeboten wird. Biografische Situationen oder Momente aus der Kindheit spielen mit, wenn die Wahl des Taschentuchs zum identitätstiftenden Moment wird.

Banale Kartonagen, als Wegwerfmaterial bereits recycelt, erleben in den Arbeiten von K.H. Müller einen erneuten Statuswechsel und werden zeitweilig als Bauteil für eine reliefartige Raumanordnung Gegenstand der Kunst, um nachfolgend wiederum dem alltäglichen Gebrauchs- und Verwertungskreislauf übergeben zu werden. Der vor Augen geführte Statuswechsel berührt zeitgenössische Fragen von Wertigkeitshierarchien in unterschiedlichen Kontexten, Solidität und Dauerhaftigkeit von Materialien sowie die Bedeutung von künstlerischem Handwerk. Auch geht es um die Frage nach dem Status des künstlerischen Artefakts, wenn spezifisch formulierte Räume, mit ephemerem Charakter, nur für den jeweiligen Ausstellungsraum Gestalt finden. Mit der virulenten Frage nach dem Begriff der Skulptur lässt sich aus dem Seitenblick ebenso die vorübergehende Sperrmüllanordnung am Straßenrand in ihrer skulpturalen Qualität entdecken und als Inspirationsquelle nutzen.

In der Verwendung der farbreduzierten Kartons werden diese einerseits für die Auskleidung von Wänden, Fußboden und Decke als Flächen ausgefaltet, andererseits als Baustein in gegebener Form belassen. Auch können sie als Hohlkörper mit jeweils nur einer Fläche als Seitenteil, Boden oder obere Fläche maßgeblich werden. Kartons differenter Höhen und Ausmaße werden nebeneinander platziert, übereinander gestapelt, in die Raumdecke gebracht und von der Raumdecke herabragend arrangiert. Indem die Module in die klar gegliederte Struktur der vorhandenen Architektur eingreifen, werden statische Verhältnisse physikalisch wie ästhetisch ausgelotet. Referenz in den Installationen bildet das menschliche Maß und dementsprechend die Verpackungsgröße ehemaliger Kartons etwa für Möbel und Haushaltsgräte. Verbaut werden reelle Quader, nicht allzu flach. Bekannte Arbeits- und Sitzhöhen werden ablesbar und bieten Orientierung. Das Fassungsvermögen, die Dimension des jeweiligen Hohlraums, wird nicht zuletzt durch den reduzierten Zeichenpool der aufgedruckten Symbole zur Handhabung des ehemaligen Inhalts sowie durch kleinformatige Klebezettel angedeutet. Schwarze Verpackungssymbole mit Richtungsanzeigen definieren oben und unten und lassen die ehemalige Schwere des potenziell gefüllten Kartonquaders mitschwingen. Wenige Perforierungen wie ausgesparte Eingrifflöcher geben den Flächen minimale Struktur und lassen die improvisierte, pragmatische Verwendung von Klebeband und Tackerklammern in der künstlerischen Formulierung zeichenhaft erscheinen.

Mit ihren Arbeiten entwickelt die Künstlerin räumliche Anordnungen mit Raumkörpern in vorhandenen Räumen. Es gibt Anklänge an Kurt Schwitters’ Merzbau sowie an modulare Formulierungen von Donald Judd, der mit seiner Differenzierung von Masse, Volumen und Gewicht wichtige Vorarbeit geleistet hat. Auch die eigentümlichen Klebebandverwendungen von Thomas Hirschhorn melden sich manchmal zu Wort.

Der Entstehungsprozess der räumlichen Konstellationen als Durchlauf verschiedener Werkphasen und Statuswechsel wird von bekannten Ordnungssystemen und Stapeltechniken (regelmäßig, unregelmäßig, stabil, fragil) überblendet. Karton, Skulptur, Gehäuse. Raumerfahrungen werden implizit, etwa solche in Wohn- und Lagerräumen sowie in größerer Dimension die Ansicht von Hochregalen und Straßenschluchten. Die Erinnerung an die intime Behausung eines engen Zeltes wird aufgerufen, die durch die Qualität von Weitläufigkeit und Größe einer Halle oder Höhle relativiert wird. Die Ambivalenz in der Erfahrung von Enge und Bedrängnis aber auch von Sicherheit und Schutz wird sinnfällig.

Die Raumformulierungen sind Grenzgänger zwischen Bildhauerei und Architektur. Die Künstlerin begreift Architektur und Raumfunktion nicht als statische Gegebenheit, sondern als Ordnungssystem, das sich auf besondere Weise verstehen, interpretieren und auch verändern lässt. K.H. Müllers Raumanordnungen hinterfragen und verändern die gewohnte Raumwahrnehmung und ermöglichen sich der eigenen Gegenwärtigkeit bewusst zu werden.

Marion Bertram, M.A.

Text erschienen 2015 in der Publikation K.H. Müller, Kapitel zwei anlässlich der Ausstellung Kapitel zwei, 2025 Kunst- und Kultur e.V., Hamburg